Mit dem Campmobil von Narita nach Kagoshima auf Kyushu – Teil 1 Autofahren und Campen in Japan

Von Rudolf Stumberger

 

Rudolf Stumberger lehrt Soziologie an der Universität in Frankfurt und arbeitet als freier Journalist in München. Im Frühjahr 2018 und 2019 war er jeweils mehrere Wochen mit einem Camper in Japan unterwegs. Die Reportage wurde im September 2019 geschrieben

 

„Gute Fahrt!“, ruft uns Andre, ein Mitarbeiter des Campmobil-Verleihers, hinterher. Vor ein paar Stunden haben wir hier in Narita, eine Bahnstation vom Internationalen Flughafen entfernt, unser „Wohnmobil“ übernommen. Eigentlich ist es nur ein Madza Bongo, mit Liegefläche, Kühlschrank und Campingausrüstung. Aber für 75 Euro pro Tag passend zu unserem Reisebudget. Denn wir haben Großes vor: Wollen bis nach Kagoshima fahren, der Stadt ganz im Süden Japans auf der Hauptinsel Kyushu. Das sind mehr als eintausend Kilometer einfach.

 

Und jetzt sind wir auf der Landstraße und machen die ersten Erfahrungen mit Autofahren in Japan. „Hoppala“, da wo sonst der Blinker sitzt ist nun der Scheibenwischer. Vieles ist verkehrt herum, der Fahrersitz zum Beispiel auf der rechten Seite des Wagens. Das hat schlicht damit zu tun, dass hier Linksverkehr herrscht. Was sich am deutlichsten beim Rechtsabbiegen bemerkbar macht: In die Kreuzung hineinfahren und dann die richtige, eben linke Straßenseite nehmen! Was auf den ersten Kilometern noch sehr ungewohnt ist, gibt sich aber nach ein paar Tagen. Und schließlich wird das Linksfahren zur Routine, wenn man auch in Schrecksekunden unwillkürlich nach rechts ausweichen will.

 

 

Unser großes Abenteuer beginnt in der japanischen Provinz zwischen Reisfeldern und Kleinstädten, schließlich erreichen wir unser erstes Nachtlager, einen „Michi no Eki“ an einem Fluss. Wir packen unseren kleinen Campingtisch und die beiden zusammenklappbaren Stühlchen aus und genießen den lauen Mai-Abend. „Michi no Eki“, das heißt übersetzt „Bahnhof der Straße“ und ist ein Rastplatz an den Landstraßen, der über eine öffentliche Toilette, ein Restaurant und einen Laden mit lokalen Produkten verfügt. Diese Rastplätze gibt es über das ganze Land verteilt, sind leicht mit einer app aufzufinden und sind einewunderbare Einrichtung. Die Toiletten zum Beispiel: Sie sind wohl die saubersten auf der ganzen Welt, werden oft gereinigt und sind technisch hochgerüstet, etwa mit einer beheizbaren Sitzbrille. Die Restaurants sorgen vom Frühstück bis zum Abendessen (zum Beispiel mit „Ramen“, einem leckeren Nudelgericht) für die Verpflegung und in den lokalen Läden finden sich frisches Gemüse oder örtlicher Spezialitäten. Wir geben uns gerne all diesen neuen Eindrücken hin, es sind spannende Tage.

 

 

Wer in Japan Autofahren will, muss zunächst eine kleine Hürde überwinden: Man benötigt als Deutscher eine japanische Übersetzung des Führerscheins. In Japan muss man dieses Schreiben sowie den deutschen Führerschein mit sich führen. Am einfachsten bekommt man die japanische Übersetzung über Dienstleister in Deutschland, wir haben zu Hause einen Scan der Führerscheine hochgeladen und nach drei Wochen war das Papier im Briefkasten. Kosten etwa 60 Euro. (Anm. JNTO: Mehr dazu hier.)

 

Weil wir in den tiefen Süden wollen, nehmen wir als schnellste Verbindung die Autobahn, die uns durch Tokio hindurch und an der Küste entlang zunächst bis zur kleineren Hauptinsel Shikoku führt. Die Auffahrt auf die Autobahn macht klar: „Aha, hier wird Maut verlangt.“ Der Automat spuckt ein Billet aus und dann rollen wir auf die Autobahn. Erste Erfahrung: Die Straßenschilder sind auch in lateinischen Buchstaben geschrieben, wir können also die Ortsnamen lesen. Zweite Erfahrung: Die Höchstgeschwindigkeit liegt meist bei 80 Stundenkilometern, im Vergleich zu deutschen Autobahnen also ein gemütliches Tempo. Überhaupt ist Autofahren in Japan – ähnlich wie in den USA – eine entspannte Angelegenheit, auf Landstraßen gilt Tempo 40 und Fußgänger werden sehr geachtet. Die Raststätten auf den Autobahnen sind ähnlich komfortabel wie die Michi no ekis, hier gibt es mitunter auch Restaurants, die nur wegen des leckeren Essens angefahren werden. Alkoholische Getränke gibt es hier aber nicht. Und die Autobahngebühr macht sich deutlich im Geldbeutel bemerkbar: 400 Kilometer können schon mal an die 100 Euro Maut kosten.

 

Auf Shikoku haben wir zwei Mal übernachtet. Einmal auf einem Parkplatz an einer Burg hoch über der Stadt Sumoto und ein zweites Mal auf einem Michi no eki in dem netten Städtchen Ozu im Westen der Insel. Anschließend haben wir die Autobahn mit der Fähre getauscht: Von Misaki aus brachte uns das Schiff hinüber nach Kyushu, der südlichsten der vier japanischen Hauptinseln mit rund 13 Millionen Einwohnern, landschaftlich geprägt durch Palmenstrände im Süden und durch aktive Vulkane im Landesinneren.

 

September 2019