Okinawa-Karate - Teil 1 Schmerz verbindet

 

Von Vito Avantario

 

 

Vor fast 30 Jahren bereiste unser Reporter zum ersten Mal Japan. Dann begann er mit Kampfsport. Nun kehrt er ins Heilige Land des Karate zurück und muss dafür zahlen. Eine Pilgerreise nach Okinawa, zur Quelle der japanischen Kampfkunst.

 

 

Alles begann mit einen Autounfall, der mich über Tokio in dieses Dojo am nördlichen Rand der Stadt Naha in Okinawa geführt hat, in dem ich nun einem Mann namens Tetsuhiro Hokoma, 76, gegenüberstehe und er mir meinen Trainingspartner vorstellt: „Das ist Dejan. Er sieht aus wie ein Killer. Er wird dich töten. Bist du bereit?“

 

*

 

Im Mai 1992 fuhr mir in Hamburg ein Volvo Kombi von hinten in meinen Fiat Uno. Ich kam ins Krankenhaus, einige meiner Halswirbel waren verstaucht, ich hatte starke Schmerzen, aber auch sehr viel Glück, denn ich war bald wieder gesund. Der Unfall spülte mir Geld einer Versicherung auf mein Konto, so dass ich plötzlich eine Reise antreten konnte, die ich mir unter normalen Umständen nicht hätte leisten können. Es gab keine Emails, kein Skype, kein Whatsapp. Briefe nach Japan waren bis zu 14 Tage unterwegs. Also rief ich meinen Freund Nils kurzerhand an, der in Tokio studierte, und sagte:

 

„Hör’ zu, frag’ nicht wie, ich habe das Geld zusammen, ich kann kommen. Wie sieht’s aus?“

 

Er sagte trocken: „Komm’.“ Dann löste ich das Ticket und stieg in den Flieger nach Japan.

 

Ich war 27, ungebunden, schrieb hin und wieder für ein Stadtmagazin und studierte unmotiviert etwas mit Medien. Nils dagegen schien einen Plan im Leben zu haben. Er war seit Jahren mit seiner Freundin zusammen, hatte eine Banklehre abgeschlossen und in Tokio gerade die Prüfung zum schwarzen Gurt im Shotokan Karate abgelegt. Natürlich verstand ich damals nicht, dass der erste Schwarzgurt sozusagen der Weißgurt unter den Fortgeschrittenen war, den Schwarzgurten. Er war sein Ticket für das tiefere Verständnis von Karate, das ab dem 1. Dan erst startet – sein Weg, sich durch Budo mit den letztendlichen Dingen zu beschäftigen, begann also gerade erst. Weil ich Nils aber nun für unschlagbar hielt, begann ich bald mit Shotokan Karate, auch aus Gründen, die das Jahr 1992 für Einwanderer besonders machte. Aber dazu später mehr.

 

„Wieso bist du in Okinawa“, fragt Dejan.

 

„Das ist eine lange Geschichte. Ich bin gekommen, um von der Quelle zu trinken.“

 

Er sagt: „Viele kommen deswegen, viele haben Fragen, auf die sie Antworten suchen. Du wirst einen Preis dafür zahlen.“

 

„Wie hoch wird der Preis sein?“.

 

Als ich vor einigen Tagen in Naha angekommen war, hielt ich mich für einen Kämpfer, der nach Hause gekommen ist. Doch nun streift Dejan die Ärmel seines Gi hoch, seines Karateanzugs. Seine Unterarme sind grün und blau geschlagen und durch das Abhärtungstraining der Körperteile an Holzpfählen auf abartige Weise angeschwollen.

 

Er sagt: „Vergiss das Karate aus Europa. Mach’ dich in Okinawa auf Schmerzen gefasst.“

 

Foto: Vito Avantario / Good Stories, Hamburg

 

Die Inselgruppe liegt im Süden des Mainland Japans, im Südchinesischen Meer. Von Tokio ist das „Hawai Nippons“, wie es die Japaner bezeichnen, zweieinhalb Stunden Flugzeit entfernt. Die Küsten der subtropischen Inselgruppe sind traumhaft, die Fischbestände gelten als gesund, die Korallenriffe machen sprachlos vor Schönheit, berichten Taucher und Schnorchler. Im 14. Jahrhundert betrieben die okinawesischen Städte Naha, Shuri und Tomari Handel mit dem südostasiatischen Raum. Um Handel und Kulturaustausch zu fördern, entsandte 1392 die chinesische Regierung 36 Familien in diese Städte. Sie führten auch Kempo ein, eine Art Faustkampf, der sich mit einheimischen Kampfsystemen vermischte.

 

Die Techniken wurden in einem Buch namens „Bubishi“ zusammengefasst, einer Art Militärfibel. Sie ist so etwas wie die Schöpfungsschrift des Karate-do und wurde über Jahrhunderte hinweg in der „Bugei Cave“ versteckt, einer Höhle an dem heute einzigen freizugänglichen Strand am Nami-no-Ue-Tempel in Naha. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts erreichte die Kampfkunst Japan und verbreitete sich von dort aus als Shotokan- und Wado-ryu-Karate in der Welt.


Nirgends in der Welt, auch in Tokio nicht, gibt es an einem Ort so viele Dojos wie in Naha. In den 250 Dojos trainieren allein 10.000 einheimische Karateka. Hinzu kommen die 8000 Kämpfer aus allen Teilen der Welt, die jedes Jahr anreisen und bei den Meistern um Einlass bitten. Naha hat 300.000 Einwohner. Wenn man so will, stellen die Karateka hier so etwas wie eine kleine Armee dar. Neben Goju-ryu-Karate, werden in Naha die Stile Shorin-ryu und Uechi-ryu gelehrt. Für Kampfkünstler, wie Dejan, ist Okinawa deshalb ein Sehnsuchtsort, trotz der Schmerzen, die er auszuhalten hat.

 

*

 

Über den Schmerz gibt es in Okinawa ein Sprichwort :


Der Schmerz bringt den Mann auf Gedanken.
Der Gedanke macht den Mann weise.
Die Weisheit macht das Leben erträglich.

 

Große Teile der kollektiven Erinnerung der Bewohner von Okinawa bestehen aus Schmerz: Vor 75 Jahren forderte die größte Pazifikschlacht des II. Weltkriegs hier mehr als 150.000 Menschenleben. Seitdem ist Okinawa der größte Stützpunkt der US-Armee im pazifischen Raum. 47.000 Marines sind in Japan stationiert, allein die Hälfte davon in Okinawa. Die 20 Luftwaffen- und 28 Marinemilitärstützpunkte nehmen fast 20 Prozent des Territoriums ein, was dazu geführt hat, dass große Gebiete von Zäunen umgeben sind und man irgendwann unweigerlich auf den Gedanken kommt, ob man das Paradies nicht endlich von den vielen Zäunen befreien könnte, damit die schmerzhaften Wunden der Menschen endlich heilen.

 

 

Seit einigen Wochen verbringt Dejan eine Art Privatlehrgang bei Meister Hokama. Er ist 37 und stammt aus Zürich. Jeden Tag Training, was in Karatewährung auf Okinawa bedeutet, jeden Tag Schmerzen. Hokama trägt den 10. Dan, also den zehnfachen Schwarzgurt. Er lehrt Goju-ryu-Karate und Kobudo, eine alte Kriegskunst, die mit von Bauern entwickelten Waffen ausgeübt wird, dem Bō (Kurz- und Langstock), Sai (Dreizack), Nunchaku (Würgeholz), Eiku (Fischerpaddel) oder der Kama (Sichel). Sein Dojo ähnelt einer Art Villa Kunterbunt für Karateka aus aller Welt. Kürzlich stand plötzlich auch Steven Seagal in Hokamas Dojo. Der Actiondarsteller trägt den 7. Dan in Aikido. Er war gekommen, um sich von Hokama das System der Vitalpunkte vorführen zu lassen, jener Körperstellen, die durch Druck, Klopfen oder Schlägen zu Ohnmacht, Taubheit oder zum schmerzvollen Tod führen können.

 

Unter den Altmeistern von Okinawa ist Hokama so etwas wie der Freigeist, ein Denker, Maler, Buchautor, Doktor der Erziehungswissenschaften und so etwas wie der Gralshüter, er sagt: „Karate ist Hochkultur, es gehört gewürdigt wie die Musik von Brahms, Schubert oder Mozart, und Okinawa ist das Heilige Land der Karateka“. Deshalb ist sein Dojo auch halb Trainingshalle, halb Museum; Karate bei ihm ist immer auch Körper- und Asienkunde. Wer hier trainiert, schwitzt umgeben von Buddhastatuen, Boxsäcken, Büchern, Schrifttafeln und alten Fotos.

 

Dejan hat eine Statur wie Seagal in seinen besten Zeiten, ist aber ein Krieger mit eher sanftem Gemüt. Er ist serbischer Herkunft und lebt in Zürich. Meine Familie stammt aus Italien, ich habe mein Leben hauptsächlich in Hamburg verbracht. Vielleicht hat Dejan aus ähnlichen Gründen wie ich mit Karate begonnen: Für mich war das Jahr 1992 nicht nur deswegen einschneidend, weil ich den Unfall überstand, der mir die Reise nach Japan ermöglichte. Es war auch das Jahr, indem Neonazis einen Molotowcocktail in zwei von Türken bewohnte Häuser in Mölln warfen. Es gab neun Verletzte und drei Tote, darunter zwei Kinder. Es hätte auch meine Familie oder meine Freunde treffen können – so dachten viele Einwanderer, auch ich. Viele begannen mit Kampfsport, sie gingen zum Thai- und zum Kickboxen, weil das straßentauglicher ist. Ich erinnerte mich an die Japanreise und begann mit Shotokan Karate.

 

April 2020