Okinawa-Karate - Teil 2 Karate oder die letztendlichen Dinge

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    Okinawa ist die Wiege des japanischen Kampfsports Karate. Unser Autor begibt sich auf eine sportliche Pilgerrreise.

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Karate oder die letztendlichen Dinge

 

Von Vito Avantario

 

 

Dejan ist über 1 Meter 90 groß, durchtrainiert, er wiegt bestimmt 95 Kilo. Ich dagegen messe 1 Meter 72 und bringe 69 Kilo auf die Waage. Ich bin vier Mal die Woche im Gym oder beim Karatetraining und fühle mich fit wie lange nicht. Aber dieser Dejan ist nicht einmal 40 Jahre alt, ich schon 54. Unter normalen Umständen ist der Kleinere, Leichtere und Ältere dem Größeren, Schwereren und Jüngeren immer unterlegen, hat Meister Meitatsu Yagi (10. Dan) gestern gesagt, als wir uns in seinem Haus in Naha getroffen haben. 

 

Yagi gehört, wie Hokama und die andere Großmeister Nahas zu den Legenden des Okinawa-Karate. Sie heißen etwa Morio Higaonna (82), Toshimitsu Arakaki (76), Kiyohide Shinjo (69), Hiroshi Akamine (65) oder Nobuko Oshiro (72), die mit dem 8. Dan höchstgraduierte Frau Okinawas. Alles an den Körpern dieser Kämpfer ist eine Waffe, nicht nur das Schienbein und die Faust, auch der Daumenknöchel, die Fingerkuppen, selbst der große Zeh. Im Netz sind Videos einiger ihrer Schüler zu sehen, in denen sie sich mit Eisenstangen auf ihre Körper einschlagen lassen und die dabei verbiegen wie Lakritzstangen. Die Februarluft roch nach Meersalz, draußen hatte es 20 Grad und die Ehefrau von Meister Yagi servierte Haselnusspralinen und grünen Tee, als Yagi sagte: „Karateka sind ansonsten friedliche Leute.“ Es käme eben auf den Lehrer an, was er aus seinem Schüler mache.

 

Foto: Vito Avantario / Good Stories, Hamburg

 

Yagi war fünf Jahre alt, als er von seinem Vater ans Karate herangeführt wurde. Meitoku Yagi (1912 – 2003) war Schüler eines Mannes namens Chōjun Miyagi (1888 – 1953). Er ist Begründer des Goju-Ryu-Karate, das Yagi wie auch Hokama lehren. Miyagi war ein strenger Lehrer, er nahm nicht jeden bei sich auf: Schüler, die pfeifend zum Training kamen oder sich ein Handtuch um den Hals warfen, bevor sie das Dojo betraten, setzte er kurzerhand raus. Die wenigen Schüler, die übrigblieben, ließ Miyagi im Garten ein Jahr lang Steine umsetzen und Bäume entwurzeln. Nur wer übrigblieb, durfte eine einzige Kata laufen, eine Formabfolge, in der die von Meistern über Generationen hinweg übertragenen Karatetechniken verschlüsselt sind. Im Goju-Ryu-Karate gibt es zwölf Kata. Um alle Anwendungen einer einzigen Kata zu entschlüsseln, benötige man zwar drei Jahre, sagt man auf Okinawa. Doch wer alle Anwendungen beherrscht, kämpft mit der Kraft mehrerer Hände und Füße.

 

Yagi sagt: „Es gibt Karateka, die schlagen und treten jahrzehntelang irgendwohin und verstehen nicht, dass Karate kein Sport ist, sondern die Beschäftigung mit den letztendlichen Dingen.“

 

Was aber sind die letztendlichen Dinge? Um das zu verstehen, muss man in die Geschichte Okinawas zurück: Im 17. Jahrhundert besetzte Japan die Inselgruppe und entwaffnete die Bevölkerung. Daraufhin kam es zu Kämpfen der Inselbewohner mit den von Japan entsandten Samurai. Das im Geheimen und zur Nachtzeit ausgeübte Karate in Okinawa bekam starken Aufschwung. Ein Krieger, der keine Waffen hat, muss alle Mittel einsetzen, auch seine Hände. Die Karateübungen der Inselbewohner wurden zur Auseinandersetzung mit dem Tod selbst. Alles kann dann schnell zu Ende sein, für andere, aber auch für sich selbst, sagt Yagi.

 

„Was lehrt Karate noch über die letztendlichen Dinge?“, frage ich.

 

„Das höchste Ziel von Karate-do ist, inneren Frieden zu finden. Weil aber innerer Frieden nicht für alle Zeiten zu erlangen ist, endet Karate nie im Ziel, sondern bleibt ewiger Weg.“

 

„Nehmen wir an, ich möchte mich mit ihnen messen oder greife sie jetzt überraschend an, was geschieht dann mit mir?“

 

„Karateka greifen niemanden an. Wenn Sie sich mit jemanden messen wollen, sollten sie Sportkarate machen.“

 

„Was ist der Unterschied zwischen dem Sportkarate und dem Karate, wie sie es lehren?“

 

„Das Sportkarate lehrt, wie man kämpft. Wir auf Okinawa lehren, wie man Kämpfe vermeidet. Sie lehren wie man siegt, wir lehren, nicht zu verlieren. Sie lehren, wie man punktet, wir lehren, wie man tötet.“

 

„Wie töten sie, wenn sie mich töten müssten?“

 

„Es gibt viele Möglichkeiten. Zum Beispiel greifen wir die weichen Körperstellen an, Augen, Kehle, Nervenbahnen, alles, was nicht trainierbar, also muskulär nicht zu kräftigen ist“.

 

„Und wie viele Griffe bräuchten sie, um mich zu töten?“

 

„Eine Technik, ein Schmerz, ein Tod,“ sagt Yagi. Das sei der Kern von Karate, wie es auf Okinawa gelehrt wird.

 

Foto: Saori Saori Ozaki / G-whiz, Okinawa

*

Das Training beginnt. Weil ich Shotokan betreibe, nicht Goju-Ryu wie Hokama es lehrt, will ich die Etikette wahren, indem ich einen weißen Gurt anlege. Aber der Meister fragt in gebrochenem Englisch:

 

„Why white belt?“

 

„I practice Shotokan, not Goyu-ryu“, sage ich.

 

„What coulor is your belt?“

 

„Black“, sage ich.

 

„Put black belt. I wanna see.“

 

Also, gut.

 

Warmmachen, Dehnen, Bauchaufzügen, dann Liegestütz bis die Haut auf den Knöcheln platzt: erst auf den Knöcheln von Zeigefinger und Mittelfinger, dann auf denen von Ringfinger und kleinem Finger. Danach 20 Liegestütz auf linker Faust, 20 auf rechter Faust. Später laufen wir, eine Gruppe von 13 Karateka, auf Fäusten und Füßen durch das Dojo. Am Ende setzen Dejan und ich noch Fausthiebe in den Makiwara, einer flexiblen Holzlatte, die am oberen Ende eine Umwicklung aus Reisstroh hat. Wo an meinen Knöcheln noch lebendiges Fleisch ist, hat Hokama nur millimeterdicke, tote Hornhaut. Schmerz kennt seine Faust nicht mehr.

 

Dejan steht mir jetzt in einer Partnerübung gegenüber und versucht mir einen kraftvollen Mae-Geri unter meinen Bauchnabel zu setzen, dem Ki-Men-Punkt, der mein gesamtes Nervensystem lahmlegt, wenn ich seine Fußtechnik widerstandslos einstecke. Also spanne ich die Bauchdecke an und setze ihm, während ich nach rechts ausweiche, mit meinem linken Unterarm einen Block aufs Wadenbein, dorthin, wo ich ein Hämatom unter dem Hosenbein seines Gi vermute. Aber Dejan ist ein harter Hund, da ist keine Regung in seinem Gesicht.

 

Empfindet der sanfte Riese keine Schmerzen mehr? Hat er sie sich wirklich in wenigen Wochen abtrainiert? Und wenn er Schmerzen empfindet, kann er den Ausdruck von Schmerz in seinem Gesicht abschalten?

 

Dejan lächelt. Ende des Trainings, nach eineinhalb Stunden. In mir breitet sich eine ozeangroße Erschöpfung aus, unendlicher Frieden. Dafür war ich nach Okinawa gekommen. Mein Ego ist tot. Aber ich lebe. Ich habe einen neuen Freund. Dejan.

 

April 2020