Japanischer Tempel oder Schrein: Was ist der Unterschied? von Bettina Kraemer

28. Oktober 2021

 

Auf ihren zahlreichen Reisen durch Japan hat Bettina Kraemer schon so einiges erlebt – von Trainings mit Bergpriestern bis zu zahlreichen Besichtigungstouren zu Japans bekanntesten Sehenswürdigkeiten. Tempel und Schreine haben sie bei all ihren Japanreisen immer fasziniert.

 

Große Frage bei Japans Sehenswürdigkeiten: Was ist ein Schrein? Was ist ein Tempel?

 

Auf meiner ersten Japanreise war ich beeindruckt von den vielen mächtigen japanischen Tempeln und Schreinen, konnte sie aber kaum erfolgreich zuordnen. Zugegeben, beim Schauen und Staunen ist es dann auch nicht sooo wichtig, ob der Meiji-Jingu in Tokyo ein Schrein oder ein Tempel, oder welcher Religion der Todai-ji in Nara gewidmet ist. Es ist einfach faszinierend!

Es reicht, wenn man die Menschen und ihre höchst unterschiedlichen Rituale beobachtet, auch wenn man erst mal nicht weiß, was sie bedeuten. Warum klatschen die Leute hier in die Hände, und zünden dort Räucherstäbchen an? Warum werden mal Münzen oder Stäbchen geworfen, und mal Wasser mit einer Schöpfkelle über die Hände gegossen? Irgendwann wollte ich es dann aber doch genauer wissen.

 

Schöpfkellen an einem Becken vorm Tamaki-jinja Schrein in Nara - man übergießt heir die Hände zur Reinigung mit Wasser und bentzt die Lippen

 

Japanische Religion – Shintoismus und Buddhismus nebeneinander

 

Religion wird auf einer Reise durch Japan, ähnlich wie in Europa, vor allem in Architektur und traditionellen Bräuchen sichtbar. Was bei uns Kirchen und Klöster sind, stellen in Japan buddhistische Tempel und Shinto-Schreine dar. Eine Besonderheit sind die oft leuchtend roten Torii-Bögen, die symbolisieren sollen, dass dahinter heiliger Boden beginnt. Während jedoch in Europa nicht nur der Widerstreit der Religionen untereinander, sondern sogar Glaubenskämpfe innerhalb einer solchen mit Blutvergießen über Jahrhunderte ausgefochten wurde, existieren in Japan Shinto-Schreine schon lange ganz friedlich direkt neben buddhistischen Tempeln. Die meisten Japanerinnen und Japaner fühlen sich beiden Religionen zugehörig und führen ganz selbstverständlich Rituale mal hier und mal dort aus.

 

Wie kann das sein? Warum geht man in Japan so ganz anders mit Glaubensfragen um als in Europa? Diese Frage fasziniert mich schon seit langem, und, Spoiler: ich habe keine Antwort darauf. Einen Anspruch auf den einzig wahren Glauben erheben jedenfalls weder Shintoismus noch Buddhismus. Schauen wir uns die beiden Religionen doch etwas genauer an.

 

Was ist Shintoismus?

 

Was Shinto genau ist lässt sich schwer definieren. Shinto bedeutet übersetzt „Weg der Götter“ – es geht also darum, wie sich die Menschen In Japan das Wohlwollen der japanischen Kami, der Gottheiten und Ahnen sichern, mit ihnen kommunizieren und in Einklang leben. Die Kami, von denen es unendlich viele gibt, existieren als Menschen, Tiere, Pflanzen oder auch Berge – der Fuji-san ist zum Beispiel auch ein Kami. Man könnte sagen, dass in der japanischen Religion die ganze Natur beseelt ist. Bedeutende Gottheiten werden in einer Vielzahl von Schreinen im ganzen Land verehrt, andere nur in einem kleinen lokalen Schrein.

 

Betende am Tamaki-jinja Schrein - Vor dem Gebet wirft man eine Münze in den Kasten, läutet die Glocke, verbeugt sich zweimal und klatscht zweimal in die Hände. So stellt man sicher, dass die Götter dem stillen Gebet Aufmerksamkeit schenken.

 

Zu Festen und Feiertagen gibt es farbenprächtige Umzüge und Tänze – Im Alltag vollziehen Besucher dagegen bestimmte Rituale, um den Göttern zu danken und ihren Beistand zu erhalten. Dem Shinto fehlt eine Schrift; Überlieferungen werden von Generation zu Generation weitergereicht. Aber einen Gründungsmythos gibt es: Im Kojiki und im Nihon Shoki, Chroniken aus dem 8. Jh. n. Chr., wird erzählt, wie die Gottheiten Izanagi (männlich) und Izanami (weiblich) die japanischen Inseln erschaffen haben. Zu ihren wichtigsten Nachkommen zählt die Sonnengöttin Amaterasu, von der wiederum nach dem Mythos der japanische Kaiser abstammt, Ihm fällt daher im Shintoismus eine besondere Rolle zu, und er vollzieht mit der Kaiserin die wichtigsten shintoistischen Riten des Landes – vor allem im großen Schrein von Ise.

 

Und der japanische Buddhismus?

 

Der Buddhismus hat sich von seinem Ursprung in Indien über fast ganz Asien verbreitet. Es geht bei dieser Religion grundsätzlich um das Beenden des menschlichen Leidens – der Buddhismus propagiert dazu einen achtfachen Pfad, der zur Erleuchtung und dem Ende des Kreislaufs der Wiedergeburten führt. Meditation ist in vielen seiner Ausrichtungen dafür ein wichtiges Mittel. Schon früh kam der Buddhismus mit Reisenden und Händlern aus China und Korea nach Japan und beeinflusste dort nicht nur die bestehende Religion des Shintoismus. Auch die japanische Handwerkskunst und Traditionen, wie die japanische Teezeremonie oder die japanischen Gärten sind vom Buddhismus geprägt. Vor allem der Mahayana Buddhismus mit seiner Hauptausrichtung Zen, und der Vajrayana mit dem Shingon-Buddhismus sind in Japan weit verbreitet. Daneben ist die “Lehre des Reinen Landes”, die gängigste Form des in Japan praktizierten Buddhismus. Dabei erhoffen sich die Gläubigen von Gebeten und Spenden eine Wiedergeburt im „Reinen Land“, einer Art Paradies. Klingt fast schon wie eine vertraute christliche Vorstellung.

 

Der Tsubosakadera Tempel in Nara mit abendlicher Beleuchtung. Gerade im Herbst und Winter sind viele Tempel und Schreine am Abend beleuchtet.

 

Woran erkenne ich auf meiner Japanreise einen buddhistischen Tempel oder einen Shinto-Schrein?

 

Grundsätzlich gilt: wo ein Torii-Bogen steht, ist fast immer ein Schrein. Auch die japanischen Namen helfen weiter: -jingu oder -jinja bezeichnen einen Shinto-Schrein, während die Endungen -ji oder -dera für einen buddhistischen Tempel stehen. Befindet sich ein Wasserbecken am Eingang, wo man sich mit einer Schöpfkelle die Hände reinigt, betritt man einen Shinto-Schrein, steht auf dem Gelände ein Gefäß mit Räucherstäbchen ist es ein buddhistischer Tempel.

 

Manchmal, wie beim teils in eine alte Höhle gebauten Natadera Tempel in Ishikawa, finden sich auch architektonische Elemente des Shintoismus in buddhistischen Tempeln und um umgekeht.

 

Mein Reise-Tipp: Japanische Hochzeiten im Schrein

 

Im Shintoismus werden viele Feste mit Bezug zu Geburt, Fruchtbarkeit und Übergangsriten im Leben gefeiert. Hochzeiten finden in Japan häufig nach shintoistischem Ritus im Schrein statt – es lohnt sich daher, auf der Japanreise am Wochenende in bekannten Schreinen vorbeizuschauen. Mit etwas Glück trifft man auf eine farbenprächtig gekleidete Hochzeitsgesellschaft.

 

Nach buddhistischem Ritus wird viel seltener geheiratet – dann schon eher noch im weißen Brautkleid in einer christlich anmutenden Zeremonie (wenn auch eher nach amerikanischem Vorbild). Viele große Hotels haben ein Hochzeitskapelle, wenn euer Übernachtungshotel eines hat, unbedingt mal reinschauen! Aber das nur am Rande.

 

Horoskope und Orakel - O-mikuji

 

In buddhistischen Tempeln wie auch Shinto-Schreinen kann man sein Schicksal erfragen, oder auch nur, wie die Uni-Aufnahmeprüfung laufen wird (in Japan ein immens wichtiges Thema). Das heißt O-mikuji, etwa „Lotterie-Orakel“, und die ungewünschten Ergebnisse habt ihr sicher schon mal auf Bilder gesehen. Vor Tempeln und Schreinen stehen Tafeln oder Bäume, in die weiße Papierstreifen geknotet sind. Das sind die ungünstigen Weissagungen des Lotterie-Orakels, die man besser an Ort und Stelle zurücklässt.

 

Feedback und Kommentare – noch Fragen zu japanischen Tempeln und Schreinen?

 

Es gibt noch viele weitere Besonderheiten, Feste und Rituale die ich hier aufzählen könnte – aber das würde diesen Text zu lang machen. Habt ihr Fragen dazu, oder kennt ihr ein besonderes Fest, einen unbekannten Tempel oder Schrein, dem ihr mehr Aufmerksamkeit wünscht? Schreibt uns, kommentiert unseren Facebook-Postzum Blog-Artikel oder sendet eine DM auf Instagram @japantourismus und ich beantworte eure Frage – oder wir machen bald gerne einen Extra-Text aus euren Vorschlägen!

 

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