Wie der Koi zum Welthit wurde – und warum man ihn in Japan besuchen sollte

Der Fisch, der Japans Flagge trägt

Koi bedeutet eigentlich nichts anderes als „Karpfen“ – doch im Land der aufgehenden Sonne sind sie nicht nur Symbole für Kraft, Wohlstand und langes Leben, sondern stehen, je nach Zeichnung, auch für das Land Japan selbst. Durch ihre leuchtenden Farben und ihre beruhi­gende Wirkung haben sie mittlerweile Freunde in aller Welt gefunden, und doch ist es für Koi-Liebhaber gewiss besonders reizvoll, den wunderschönen Zierfischen dort zu begegnen, wo man vor über zweihundert Jahren mit ihrer Zucht begann.

Koi unterschiedlicher Färbung tummeln sich in einem Teich. (Quelle: pixabay)

Ursprünglich stammen Karpfen vom asiatischen Festland und wurden vor etwa 2.000 Jahren von Chinesen nach Japan gebracht – allerdings als Speisefisch in einer „Tarnfärbung“, die man auch heute noch vielerorts vorfindet. Wenn wir in Europa von Koi sprechen, meinen wir dagegen meist den farbenfrohen Nishikigoi („Brokatkarpfen“), den japanische Reisbauern zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu züchten begannen. Durch sorgfältige Selektion bestimmter Farben und Muster bildeten sich die heute bekannten Formen heraus.

Farbenspiele und Symbole

Die beliebteste Variante wurde schon bald der weiße Karpfen mit roten oder orangefarbenen Punkten, und das Nonplusultra ist und bleibt aus naheliegenden Gründen ein völlig weißer Fisch mit einem einzigen roten Punkt auf der Stirn: Er gleicht nämlich der Nisshōki, der 1870 eingeführten Flagge Japans mit ihrem symbolischen Sonnenkreis, auch Hinomaru genannt. Auf diese besondere Spielart des Koi, von der ein einziges Exemplar zigtausend Euro kosten kann, hat man den Namen tancho übertragen, das japanische Wort für den Mandschuren­kranich, der ebenfalls einen roten Punkt auf der Stirn trägt.

Daneben gibt es aber über ein Dutzend Hauptvarianten und über hundert Unterformen mit unterschiedlichster Schuppenfärbung und auch anatomischen Besonderheiten, wie etwa den besonders langen Flossen des Butterfly-Koi („Schmetterlingskarpfen“). Zu den ältesten und verbreitetsten Zuchtformen gehören Asagi („hellblau“) und Kōhaku („rot-weiß“). Die Unterarten Shōwa und Taishō wurden nach der Regierungszeit der Kaiser Shōwa (vom 25. Dezember 1926 bis zum 7. Januar 1989) und Taishō (vom 30. Juli 1912 bis zum 25. Dezember 1926) benannt, entsprechend der Zeit, in der sie als neue Variante offiziell anerkannt wurden. Shōwa und Taishō weisen mit dem Namenszusatz Sanke oder Sanshoku („dreifarbig“) darauf hin, dass sie zusätzlich zu ihren roten und weißen Schuppen noch schwarze Flecken besitzen.

Den Farben ist in Japan eine symbolische Bedeutung zugeordnet. Es liegt nahe, dass man Gold mit Wohlstand verbindet, während eine silberne Färbung für geschäftlichen Erfolg bürgen soll und die Farbe Blau für Ruhe und Frieden steht. Hinzu kommt, dass das Wort koi gleich klingt wie ein Wort für „Liebe“ oder „Zuneigung“. Dass man Koi auch mit Langlebigkeit in Verbindung bringt, verdanken sie der Lebensdauer einiger sagenhafter Exemplare, die über 200 Jahre alt geworden sein sollen. Üblicherweise erreichen sie allerdings eher ein Alter von 30 bis 40 Jahren – kein Rekordwert im Tierreich, aber ein Alter, das Käufer, die hohe Summen in die Fische investieren, zufriedenstellen dürfte.

Die „Geburtsstätte“ des Koi

Die Ehre, Ursprungsort der Koi-Zucht zu sein, nehmen das inzwischen in die Stadt Nagaoka eingemeindete Dorf Yamakoshi und die Stadt Ojiya in der Präfektur Niigata an der Nordost­küste der Hauptinsel Honshū für sich in Anspruch, wo man in den 1820er Jahren mit der selektiven Aufzucht bestimmter Formen begann.

In dem 1989 eröffneten „Koi-Dorf“ (Nishikigoi no Sato) können Koi-Freunde und ‑Züchter aus aller Welt heute auf diesen historischen Spuren wandeln und zugleich ihr Wissen vertiefen und sich von Fachleuten beraten und wertvolle Hinweise für die Pflege der Tiere geben lassen. Die Besonderheit ist hier nicht nur die Anzahl und Vielfalt der Fische, sondern auch, dass man sie ganzjährig in klarem Wasser bestaunen kann, während sie andernorts von Frühjahr bis Herbst in trübem Wasser gehalten werden.

Das „Dorf“ ist ganzjährig von 9 bis 18 Uhr (im Winter bis 17 Uhr) für Besucher geöffnet, der Eintritt kostet nur wenige Euro und ist für Kleinkinder, die besondere Freude an den bunten Fischen haben, sogar gratis.

Wenn gleich im Nishikigoi no Sato selbst keine Koi verkauft werden, findet man im Ort zahlreiche Züchter, die Fische in unterschiedlichen Preisklassen anbieten und auch versenden.

Koi-Oasen im Trubel der Hauptstadt

Wer es nicht bis in die rund 250 Kilometer von Tokyo entfernte Präfektur Niigata schafft, findet die Zierkarpfen auch in der Hauptstadtregion auf der gegenüberliegenden Seite der Insel.

Einer von vielen Orten, an denen man sie gratis besichtigen kann, ist der Ikedayama-Park in Gotanda, das im Wohnbezirk Shinagawa im Süden Tokyos liegt. Der Stadtpark, der in der Form eines traditionellen japanischen Gartens im Kaiyu-shiki-Stil (das heißt um einen Teich) angelegt wurde, schmiegt sich an den Hügel, dem er seinen Namen verdankt. Von der Anhöhe, wo man sich auf einer überdachten Parkbank ausruhen kann, genießt man herrliche Aussichten auf die Umgebung, und im Teich in der Parkmitte tummeln sich neben den bunten Koi auch die weitverbreiteten Schildkröten. Der Park ist täglich bis 17 Uhr und im Juli und August sogar bis 18 Uhr geöffnet, und der Eintritt ist frei.

Der Sensō‑ji-Tempel in Asakusa

Im Stadtteil Asakusa („flaches Gras“) im Stadtbezirk Taitō findet man auf dem Gelände des vielbesuchten buddhistischen Sensō‑ji-Kannon-Tempels einen weiteren Garten mit einem wohlbestückten Koi-Teich, wo man am Rande der benachbarten Einkaufsmeile Nakamise-dōri erstaunliche Ruhe findet. Den Besuch bei den Fischen kann man gleich mit der Besichtigung weiterer Sehenswürdigkeiten verbinden, etwa dem angrenzenden Asakusa-Shintō-Schrein und der fünfstöckigen Pagode.

Auch einzelne Hotels inmitten der Metropole, wie zum Beispiel das Hotel Gajoen, bieten abseits der Großstadthektik beschauliche Oasen zur Besinnung. In dem von einem Bach durchzogenen Garten dieses edlen 60-Zimmer-Hotels im Bezirk Meguro führt ein Holzsteg über den Koi-Teich, während das Wasser in kleinen Kaskaden gardinenartig ins Becken plätschert.

Unzen Onsen in Nagasak, die von Thermalquellen gespeist werden © JNTO

Wo der Koi neben der Straẞe schwimmt

Möchte man Koi einmal außerhalb von Gärten, Teichen und anderen eigens angelegten Gewässern sehen – also sozusagen „in freier Wildbahn“ –, empfiehlt sich eine Reise nach Shimabara bei Nagasaki auf der südlichsten der japanischen Hauptinseln, Kyūshū.

Die Stadt Shimabara liegt dort an der Nordostspitze der gleichnamigen Halbinsel. Der Vulkan in der Nähe der alten Burgstadt hatte seinen letzten großen Ausbruch Ende des 18. Jahrhunderts, ist aber noch immer aktiv. Er sorgt aber auch dafür, dass es hier nicht nur zahlreiche Onsen (Bäder) gibt, die von Thermalquellen gespeist werden, sondern tatsächlich auch warmes Wasser in schmalen Kanälen an den Straßen entlang durch die Stadt fließt. Eine dieser Straßen, die man als „Karpfenstraße“ bezeichnet, verdankt ihren Namen, wie man unschwer erraten kann, den zahllosen Koi, die hier, vor aller Augen, ihr Dasein im wohltemperierten Nass genießen – ein wahrhaft einzigartiger Anblick, den man so gewiss nur in der Heimat dieser Zierkarpfen hat.


 

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