Leben mit Corona in Japan – Das erste Jahr von Susann und Sebastian Schuster

8.11.2021

 

Schon seit 2018 leben Susann und Sebastian in Tokyo und erzählen seit Anfang des Jahres darüber in ihrem Japanblog japanmeineliebe.de, wo sie Eindrücke in ihren Alltag in der neuen Heimat geben und auch immer viele Reisetipps parat haben. Heute erzählen sie davon, wie die Pandemie das Leben in Japan beeinflusst hat.

 

Die erste Berührung mit Corona

 

Die Coronakrise hat uns alle unvorbereitet erwischt, doch auch wenn man im Nachhinein lange diskutieren kann, wo die Politik auf internationaler Ebene geschlafen hat, befinden wir uns alle in einer Situation, die unsere moderne Welt so bisher noch nicht erlebt hat.

 

Zu Beginn wirkte es für viele Menschen hier in Japan lange Zeit alles relativ fern und man hatte das Gefühl und vielleicht auch die Hoffnung, dass uns das in Japan nicht wirklich betreffen würde. Auch als im Januar 2020 die ersten Nachrichten in Japan eine deutlichere Sprache sprachen, war doch alles immer noch sehr weit weg. Vor allem drehten sich die Nachrichten um das benachbarte China.

Doch dann legte im Hafen von Yokohama das Kreuzfahrtschiff Diamond Princess an und es wurde vom ersten Infizierten an Board berichtet, sodass sich die Medien zu überschlagen begannen. Obwohl noch immer sehr gering, wurden nun auch im japanischen Fernsehen die eigenen Infektionszahlen, mit denen der Welt verglichen.

 

Die ersten Schließungen und Events ohne Zuschauer in Japan

 

Anfang Februar wurden die Grenzen für Menschen aus der Hubei Provinz oder diejenigen, die über diese nach Japan kommen wollten, geschlossen und es dauerte nicht lange, bis auch die Politik in Bezug auf das Inland erste Maßnahmen ergriff. Der Premierminister bat die Schulen des Landes, diese für eine bestimmte Zeit zu schließen, um der Verbreitung des Virus entgegenzuwirken. Beinahe zur gleichen Zeit rief Hokkaido den Ausnahmezustand aus. Einige privat betriebenen Schulen verpflichteten die Lehrer dennoch dazu, weiterhin zur Schule zu kommen, da viele Eltern aufgrund der Arbeit keine Zeit dafür hatten, sich um ihre Kinder zu Hause zu kümmern.

 

Anfang März sagte die Nippon Professional Baseball Organization alle Spiele im Land ab. Das Bemerkenswerte hierbei war, dass dies ohne eine Aufforderung der Regierung geschah. Auch zahlreiche japanische Wrestling Promotions, wie die damals zweitgrößte Promotion der Welt New Japan Pro Wrestling und die größte Frauen Wrestling Promotion der Welt Stardom, folgten dem Beispiel des Baseball-Verbandes. Etwas später gab es dann wieder Sportevents, aber in leeren Hallen und Stadien, die dann im Fernsehen oder online übertragen wurden.

 

Konzertveranstalter und Musiker-Agenturen sagten beinahe alle Konzerte ab, um über einen langen Zeitraum hinweg ausschließlich Konzerte ohne Zuschauer zu veranstalten, die als Livestream übertragen wurden. Der Zusammenschluss der Idols des Hello! Project fand darüber hinaus einige Wege, die leeren Konzerthallen für neue Stilmittel zu nutzen, z.B. wurden vorwiegend Konzerte mit Balladen gegeben, bei denen der Mangel an Zuschauern nicht so sehr ins Gewicht fiel. Oder man begann, interaktive Stay-at-home-Videos zu veröffentlichen, um die Fans weiterhin bei der Stange zu halten.

 

Japanischer Tempel mit Hinweis zum Corona Virus und Masketragen

 

Kinos konnten allerdings weiter besucht werden. Natürlich unter der Auflage des Tragens von Masken und mit nur halb gefüllten Kinosälen.

 

Der Corona Ausnahmezustand erreicht Tokyo

 

Nachdem in vielen anderen Regionen in Japan bereits der Ausnahmezustand ausgerufen wurde, traf es dann Anfang April auch Tokyo. Dieser sollte vorerst einen Monat dauern. Generell sieht hier in Japan der Ausnahmezustand nicht so aus wie in anderen Ländern. Aufgrund der japanischen Verfassung können die Einwohner nicht in ihrer Bewegung eingeschränkt werden. Hier setzt man eher auf die Gruppe und Verständnis. Anstatt Demonstrationen schränkten sich die Menschen selbst ein und die Zahlen blieben recht niedrig, wenn man dies z.B. mit Deutschland verglich.

 

Wir kannten bereits die Geschichten über leere Supermarktregale, wo die Chancen an Toilettenpapier zu kommen gegen 0 waren. Das passierte nun auch in Tokyo. Die Menschen fingen an zu hamstern. Einen Tag zu spät und es sah folgendermaßen aus: Toilettenpapier? Fehlanzeige! Instant-Ramen? Keine Chance! Einwegmasken waren über lange Zeit ebenso wenig zu bekommen wie Pfannkuchen-Mischungen, die anscheinend jeder nun ebenso dringend brauchte wie Reis.

 

Noch war es frisch draußen und die Zeit, in der die Menschen üblicherweise eine Maske tragen, war noch nicht vorbei. Wer keine Masken hatte, bekam nun ein Problem. Masken online zu bestellen war leider kaum möglich und wenn man welche angeboten bekam, waren die Preise unverhältnismäßig hoch. Diese Situation sorgte allerdings auch für recht schöne Erfahrungen, z.B. begannen die Menschen selbst Masken zu nähen, um diese für einen günstigen Preis zum Verkauf anzubieten. Als wir den Lawson Convenience Store aufsuchten und dabei ein Tuch als Maskenersatz trugen, schenkte uns der Angestellte eine Packung Masken aus dem Angestelltenvorrat.

 

Auf der anderen Seite gab es dann aber wieder Berichte von Menschen, die ihre vorher gehamsterten Masken für teures Geld auf den Straßen verkauften. Um dagegen etwas zu unternehmen, wurde dazu aufgerufen, dies der Polizei zu melden. Da wir nicht wussten, wie lange der Notstand wirklich andauern würde, bestellten wir dennoch verschiedene Artikel zu höheren Preisen im Internet.

 

Desinfektionsmittel und Fiebertermomether vor einem Restaurant in Japan - Corona Maßnahmen in Japan

Corona Maßnahmen in Japan - Fieberthermometer und Desinfektionsmittel direkt zur Hand

 

Neue Corona-Regeln auch in Japan

 

Da es in Japan aufgrund der Verfassung seitens der Regierung keine Möglichkeit gibt, die Betreiber von Geschäften und Restaurants zum Schließen zu zwingen, ließ man sich relativ schnell etwas anderes einfallen, um gewisse Vorgaben umzusetzen. Diese neuen Regeln schrieben z.B. eine regelmäßige Belüftung vor, Handdesinfektion und Maßnahmen, um die Infektionsgefahr für Gäste zu verringern (z.B. Anstand halten).

 

Läden, welche die Regeln befolgten, wurden mit einem Regenbogenlogo ausgezeichnet. Dieses befindet sich im Eingangsbereich, um den Menschen zu versichern, dass hier alles getan wird, um für die Sicherheit zu sorgen. Regelmäßige Kontrollen sollten gewährleisten, dass die Betreiber die Regeln auch weiterhin einhalten. Viele Geschäfte hatten darüber hinaus noch eigene Schilder aufgestellt, mit denen sie die Menschen dazu anhielten, beim Betreten eine Maske zu tragen, sich leise zu unterhalten bzw. sich nicht zu lange in den Geschäften/Restaurants aufzuhalten. Zudem wurden Restaurants von der Regierung gebeten, keinen Alkohol auszuschenken und nur bis 20 Uhr zu öffnen.

 

Im ersten Monat des Ausnahmezustands gab es darüber hinaus einige sehr beeindruckende Beispiele von Unternehmen, die ihren Teil zur Lösung beitragen wollten. Starbucks schloss umgehend alle seine Filialen für einen längeren Zeitraum und auch Museen und Parks wurden vorrübergehend komplett geschlossen, wenn es denn möglich war.

 

Kein gemeinsames Hanami und Homeoffice

 

Was macht Japan im Frühjahr aus? Richtig, die Kirschblütenzeit. Relativ schnell reagierte hier auch die Regierung und bat alle Bürger darum, auf großflächige Picknicks zu verzichten. Im gleichen Atemzug wurden in vielen Parks die großen Wiesen abgesperrt und Personal abgestellt, um eventuelle Versammlungen aufzulösen. Auch unser gemeinsames von der Firma geplantes Treffen zum Hanami wurde abgesagt. Das nicht besonders gute Wetter half wahrscheinlich auch dabei, dass die Menschen sich nicht in großen Gruppen draußen versammelten.

 

Masken unter japanischen Kirschblüten - ein Jahr ohne richtiges Hanami

 

Die Regierung bat außerdem die Unternehmen, ihre Mitarbeiter von Zuhause arbeiten zu lassen. Viele japanische Firmen taten sich damit anfangs schwer. Traditionelle Faxgeräte mussten besetzt sein. Dokumente im Büro mit einem Hanko zu signieren war ebenso wichtig wie die regelmäßigen Meetings vor Ort. Wir hatten jedoch Glück, dass unser Arbeitgeber uns die Wahl ließ, von Zuhause zu arbeiten, wobei die meisten aus der Firma das Angebot dankend annahmen.

 

Auch wir entschieden uns dazu, im Homeoffice zu arbeiten, was zuerst viele Vorteile mit sich brachte. Durch das Wegfallen des Pendels gewannen wir pro Tag zwei Stunden Zeit, die wir abends zum Spazierengehen oder Joggen aufwenden konnten. Auch selbst etwas zum Mittag kochen zu können war schon nicht schlecht und auf Dauer günstiger für uns. Dennoch leben wir in einer kleinen japanischen Mansion mit einem Kotatsu, einem flachen Sofa und Sitzkissen auf dem Boden, was nach einer Weile ganz schön auf die Knie ging. Irgendwann kauften wir uns also noch einen kleinen Sessel und einen Schreibtisch, damit wir uns abwechselnd auch mal etwas anders hinsetzen konnten. Andererseits ist die Tatsache, dass der Wohnraum plötzlich zum Arbeitszimmer wird, nicht gerade förderlich, wenn man in seiner freien Zeit abschalten will.

 

Ein japanischer Sommer ohne Festivals

 

Der Sommer ist in vielen Teilen Japans sehr heiß, doch gleichzeitig ist dieser auch die Zeit der Feste. Alle großen Events wurden jedoch nach Corona abgesagt: kein Tanabata, kein Koenji Awaodori und keine Feuerwerke. Daher war der Sommer nicht nur besonders anstrengend, weil man ständig in der Hitze seine Maske tragen musste, sondern auch vergleichsweise eintönig.

 

Es gab nur einige sehr kleine lokale Feste, wo man z.B. Mikoshi (tragbare Schreine) bewundern konnte. Auch in der Tokyo Skytree Town konnte man zum Tanabata Fest seine Wünsche auf kleine Zettel schreiben, um diese an einen Baum zu hängen. Eine kleine Überraschung sollte es dann aber doch noch geben. Zum Ende des ersten Ausnahmezustands, welcher doch länger war als vorher gedacht, wurden an verschiedenen Orten kleine Feuerwerke veranstaltet. Die genauen Zeiten und Orte wurden dabei nicht bekanntgegeben und so gerieten wir auch nur sehr zufällig in den Genuss eines solchen Feuerwerks nahe der Sakurabashi Brücke auf dem Sumida Fluss.

 

Der Gedanke hinter diesen Feuerwerken war, dass man sich bei den Menschen für ihr Durchhaltevermögen bedanken wollte. Die Menschen, die diese mitbekommen haben, applaudierten und bedankten sich für diese kleine, aber schöne Aufmerksamkeit der lokalen Regierung. Der Skytree zeigte zudem durchgängig die Schrift: “Together we will win.”

Die Olympischen und Paralympischen Spiele wurden auf das Jahr 2021 verschoben, was erst einmal gut war, aber dennoch für einige Arbeit und Unsicherheit sorgen sollte.

 

Im Juli versuchte man, um den Tourismus etwas zu entlasten, die “Go To Travel” Kampagne im Inland zu starten. Hierfür gab es bis zu 35 % Rabatt auf Transport, Unterkünfte, Restaurants und Entertainment für japanische Reisende. Da die Infektionszahlen kurz darauf stiegen, wurde diese jedoch schnell wieder ausgesetzt, um nicht das falsche Signal zu senden. Auch wenn zu diesem Zeitpunkt die Zahlen verglichen mit vielen anderen Ländern noch immer sehr niedrig waren, hatte das Gesundheitssystem ganz schön damit zu kämpfen, die Betroffenen in Krankenhäusern entsprechend zu versorgen. Um das Gesundheitssystem nicht zusammenbrechen zu lassen, wurden entsprechende Aktionen oftmals wieder zurückgezogen.

 

Einmalzahlung von der japanischen Regierung

 

Um die eingebrochene Wirtschaft ein wenig anzukurbeln, beschloss die Regierung jedem in Japan Lebenden eine Einmalzahlung von 100.000 Yen auszuzahlen. Sumida war hierbei auch vergleichsweise schnell und unkompliziert, sodass wir Ende des Sommers dann unsere 200.000 Yen auf unserem Konto hatten. Uns half es insofern, dass wir dieses Jahr unseren Mietvertrag verlängern wollten, was in der Regel nochmal eine komplette Monatszahlung extra an Gebühr kostet.

 

Konzerte und Sportevents finden wieder statt, unter Einschränkungen

 

Nachdem Japan relativ schnell reagiert hatte und viele öffentliche Events mit Zuschauern abgesagt wurden, fand man auch recht fix eine Lösung, diese wieder stattfinden zu lassen. Nach Monaten voller Konzerte und Sportevents ohne Zuschauer hatte man nun einen Plan ausgearbeitet.

 

Als Erstes ging es dabei um die Begrenzung der Livezuschauer. Je nach Veranstaltungsort waren maximal 5.000 Zuschauer zulässig und zwischen jedem Sitzplatz war immer einer blockiert. Dazu gab es Temperaturchecks an den Eingängen, Hände- und teilweise Schuhdesinfektionen sowie strenge Kontrollen an den Merchandise Ständen. Essen und Trinken wurde vielerorts nicht verkauft. Während des eigentlichen Events herrschte selbstverständlich Maskenpflicht. Nur Klatschen war erlaubt, lautes Anfeuern war verboten.

 

Wir können aus eigener Erfahrung sagen, dass sich die Menschen an diese Auflagen hielten. Insgesamt besuchten wir ein Konzert und einige Pro Wrestling Events, die allesamt sehr streng reguliert waren, sodass Zuschauer aber auch die Performer sich sicher fühlen konnten.

 

Weihnachten und das Neujahrsfest in Japan 2020

 

Auch wenn Weihnachten in Japan einen etwas anderen gesellschaftlichen Stand hat, als z.B. in Deutschland ist es dennoch ein großes Fest, worauf man sich hier freut. Alles wird entsprechend dekoriert und mit den beliebten Winterilluminationen ausgeleuchtet. Doch waren die Menschen dieses Jahr zurückhaltender. Viele Einkaufsstraßen waren nicht so belebt, wie man es sonst kennt und noch immer waren viele Geschäfte wegen der Pandemie geschlossen. Selbst in Shibuya, was im direkten Vergleich zu anderen Regionen in Tokyo noch immer sehr belebt war, tummelten sich weniger Menschen auf den Straßen, um die Winterstimmung zu genießen.

 

Das Neujahrsfest ist in Japan bekanntermaßen ein wenig ruhiger als in anderen Ländern. Man feiert in der Regel Zuhause mit der Familie und macht sich dann oftmals um Mitternacht gemeinsam auf den Weg zum ersten Schrein-Besuch des Jahres. Auch wir machten uns auf den Weg zu einem naheliegenden Schrein, wo im Jahr zuvor noch ein großes Fest gefeiert wurde. Dieses Jahr war es alles ruhiger: keine Fackeln und keine Imbissbuden entlang des Weges. Dazu gab es nun die obligatorischen Linien auf dem Boden zum Abstand halten. Es war ein hartes Jahr, aber die Pandemie sollte noch etwas andauern.

 

Weitere Informationen zum Leben mit Corona in Japan

 

Welche Besonderheiten das japanische Gesundheitssystem für seine Bürger bereithält und was es bei Arzt und Apothekenbesuchen alles zu beachten gibt, findet ihr in dem Artikel Arztbesuch und Krankenversicherung in Japan auf Japanmeineliebe.de

 

Mehr gibt es auch im zweiten Teil unseres „Leben mit Corona in Japan“. Diesen findet ihr ab Dezember im JNTO Japan Blog!

 

Alle Bilder im Artikel mit freundlicher Genehmigugn von japanmeineliebe

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